Visionen

Warum etwas verändern, wenn das Bewährte funktioniert - vielleicht nicht optimal, aber bis jetzt ist ja alles mehr oder minder gut gelaufen. Außerdem ist jede Veränderung mit unkalkulierbaren Risiken verbunden – wer kann schon in die Zukunft schauen?

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, und eine Vision, etwas fundamental Neues, ist für die meisten erst einmal nichts weiter als eine Spinnerei.

Schaut man sich den Vorgang des Spinnens im Detail an, ist dieser Vergleich auch nicht abwegig: Beim Verspinnen entsteht aus losen Fasern durch gleichzeitiges Verdrehen und Auseinanderziehen ein Faden.
Die Fertigkeit der spinnenden Person besteht darin, soviele Fasern aus dem Faservorrat freizugeben, wie für die Dicke des gewünschten Fadens erforderlich ist und so viel Drall in den Faden zu leiten, wie für dessen gewünschte Festigkeit nötig ist.

Es gibt Momente, da zeigt sich eine Vision klar in Gedanken. Sobald wir aber versuchen sie zu fassen, verflüchtigt sie sich. Die losen Gedanken wurden Geist, haben jedoch keine Stabilität entwickelt. Es bleibt eine Spinnerei.
Die Vision kommt nicht auf den Boden und wird nicht materiell. Ihr fehlt der Drall bzw. wie man heutzutage sagt, sie hat keinen „spin“ und kein „agenda setting“.

In diesem Fall liegt es häufig nicht einmal an der ursprünglichen Vision sondern am Zensor im Kopf, einer gnadenlosen Vernunft, die in der Lage ist, jede noch so gute Idee mit dem Verweis auf Sachzwänge und Realitätsbezug bis zur Unkenntlichkeit zu zermalmen. Die allermeisten Visionen scheitern nicht an ihren Inhalten, sondern am Vertrauen in die Vision und an der Integrität bei der Umsetzung.

Eine Vision hingegen, die ohne jedes Wenn und Aber getragen ist von Vertrauen in den Prozess und die von ihr betroffen Menschen wird zumindest eine Saat in den Boden einbringen.

Der Prozess der Kristallisation

Ich vergleiche eine Vision mit einem Kristallisationskeim: Unter andauerndem Rühren lässt sich in einem Glas lauwarmen Wassers, ohne dass es kristallisiert, sehr viel Salz auflösen. Lasse ich die Lösung ruhen und ist die kritische Menge der Sättigung überschritten, reicht ein Salzkristall, um die gesamte Lösung im Glas erstarren zu lassen.

Für dieses Experiment braucht es Geduld und eine ordentliche Menge kristallines Salz. Mit gewöhnlichem Haushaltssalz funktioniert das nicht – es hat durch den Prozess des Mahlens seine kristalline Struktur verloren und hat damit weitgehend seine molekularen Bindungseigenschaften eingebüßt.

Eine Vision, die nicht zermahlen wurde, strahlt wie ein Kristall, wird mit ihrer Umgebung in Resonanz treten, und es kann zu einem Austausch von Energie kommen. Nichts anderes ist der chemische Prozess der Kristallisation: Eine natürliche Struktur, die sich am Kristallgitter des in die Lösung geworfenen Kristalls orientiert.

Welche Visionen sind so rein, dass sie diesen Prozess auslösen?

Selbstsüchtige Ideen sind es mit Sicherheit nicht. Hier fehlen Integrität, Wahrheit und Klarheit.

Ist eine Vision jedoch von Werten getragen, und spiegeln diese die innere Haltung, kann sie eine gute Grundlage für eine Strategie sein.

Wenn das Leben keine Vision hat,
nach der man strebt,
nach der man sich sehnt,
die man verwirklichen möchte,
dann gibt es auch kein Motiv,
sich anzustrengen.

Erich Fromm