Strategie

Nicht jede Idee oder Vision eignet sich für eine Strategie – vor allem nicht diejenige, die nur einem Zeitgeist folgt, mal alles ganz anders machen will oder sogenannte „best practice“ ist.

Hühner legen nun mal keine Apfeltörtchen und auch keine goldenen Eier – auch wenn das im letzten Strategieseminar anders gelehrt wurde und hunderte Berater der „Big Five“ es von den Dächern pfeifen.

Der Mensch bleibt ein Mensch.

Er hat Träume und Sehnsüchte, und genau diese gilt es bei der Überführung einer Vision in eine Strategie zu wecken. Menschen wollen mitgenommen und begeistert werden, und das geht weit über die Vergütung von Lohnarbeit hinaus.

Die Entwicklung einer Strategie ist die beste Möglichkeit, die Vision auf ihre Sinnhaftigkeit und Umsetzbarkeit zu überprüfen.

Verstehen alle Beteiligten die Vision? Wollen sie ihr folgen?

Bottom-up

Eine Strategieentwicklung ist immer ein bottom-up Prozess. Er sollte basisdemokratisch, nach klaren Regeln, offen und ohne „hidden agenda“ ablaufen.

Authentisches „bottom up“ bedeutet in diesem Fall, dass Mitarbeiter jeder Hierachiestufe aus jedem betroffenen Bereich in den Entwicklungsprozess eingebunden sind. Das können bei Finanzprozessen die Mitarbeiter an der Werkbank und bei Softwareeinführungen das Reinigungspersonal sein.

Hier kommen die ersten Einwände: Die meisten Topmanager halten untere Hierachiestufen für unwissend und nehmen oftmals an, diese Mitarbeitenden verstünden keine komplexen Prozesse, wirtschaftliche Notwendigkeiten und die notwendigen üblen Mauscheleien. Dazu kommt in den meisten Unternehmen eine Angst vor einer Palastrevolution – nur die kommt ohnehin, auch wenn der Veränderungsprozess in portionsgerechten Scheiben serviert wird.

Ich kann also überheblich von oben durchsteuern, mich wegducken oder aber anerkennen, dass jeder Mitarbeiter, seinen Bereich und seine Abläufe besser kennt, als ich sie jemals verstehen werde. Und ja, das betrifft auch den im Stücklohn und im Akkord Arbeitenden, den Empfang und den Hausmeister.

Akzeptiere ich mein Nichtwissen, gehe ich damit den ersten Schritt auf die Menschen zu und lade sie ein, ihren Anteil und ihre eigene Vision in die Strategie einzubringen.

All das erfordert keinen besonderen Aufwand, es verlangt allerdings den Mut, mich von Macht und Eitelkeit zu verabschieden und mit allen Beteiligten auf Augenhöhe zu verkehren.

Nur so werde ich das „eierlegende“ Potential aller erkennen und kann es, wenn ich geschickt bin, in den Veränderungsprozess einfließen lassen.

Change

Ein chinesisches Sprichwort sagt: „Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.“

Wo Mauern stehen, weht kein Wind, und jede Windmühle wird zwecklos. Mauern später einzureißen kostet mehr Energie als offene Gespräche und bottom-up-Workshops. Im Vorfeld die Sinnlosigkeit von Mauern gegen den „wind of change“ zu erklären, ist zwar zeitaufwendig aber verhindert in vielen Fällen das programmierte Scheitern. Er wird in letzter Konsequenz ohnehin durch jede Ritze pfeifen.

Beim bottom-up-Ansatz geht es also nicht darum, eine Veränderung, zu blockieren oder zu verbiegen. Es geht darum, diese möglichst effizient und unter Mitnahme aller Mitarbeiter konstruktiv umzusetzen. Trends und Beratersprache verlieren spätestens hier ihre Kraft – die Spreu vom Weizen trennt sich. Menschen haben ein gutes Gespür für eitle Ideen oder tatsächlichen Fortschritt und Zukunftssicherung.

So wie Menschen sich die Erfüllung ihrer Sehnsüchte und Träume herbeisehnen, fürchten sie Veränderungen. Eine erfolgreiche Strategieentwicklung berücksichtigt dieses Paradox, aber weder knickt sie ein, noch benutzt sie den Knüppel der Autorität. Sie lässt sich Zeit und reagiert einfühlend aber klar auf alle Vorbehalte und Einwände, und sie hat immer im Hinterkopf, dass das Ganze größer ist als die Summe ihrer Teile.

Top-down

Stimmt die Vision und ist die Strategie entwickelt, sollte sie von allen getragen werden und muss schon allein der Glaubwürdigkeit halber top-down umgesetzt werden, gegebenenfalls auch gegen verbleibende Widerstände.

Anpassungen gibt es immer, aber bereits der Gedanke, das gesamte Paket zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufzuschnüren, verurteilt die Strategie zum Scheitern.

Von Marc Twain stammt der Satz: „Ich kann Dir keine Erfolgsformel liefern, aber ich kann Dir eine Formel für den sicheren Misserfolg geben: Versuche es allen recht zu machen.“

 

Die Hühner fühlten sich plötzlich verpflichtet,
statt Eiern Apfeltörtchen zu legen.
Die Sache zerschlug sich.
Und zwar weswegen?
Das Huhn ist auf Eier eingerichtet!
So wurde schon manche Idee vernichtet!

Erich Kästner