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Ich bin etwa acht Jahre alt und spiele in einer Ecke hinter einem alten Bauernhaus, in Oberhessen. Es hat Holzöfen, eine Außentoilette und im Winter bilden sich Eiskristalle an den Scheiben, während die Küche der einzig beheizte Raum ist.

In meiner Erinnerung ist Frühsommer und es ist ein milder, sonniger Tag.

Ich habe eine kleine Kiste mit Matchbox-Autos, die habe ich auf die Wiese entleere und jetzt reihe ich ein Auto hinter das andere. Dann fahren die Autos gemeinsam zu einem Platz. Dort wird etwas, über das ich zu dieser Zeit noch keine Vorstellung habe, eingeweiht und gefeiert. Es ist eine friedliche Atmosphäre und ich erinnere mich gerne an dieses Spiel.

Ich spielte es oft und in die Leichtigkeit kindlicher Gedanken versunken, vergaß ich die durch Fremdheit und häusliche Gewalt geprägte Umgebung.

Geboren wurde ich in Wiesbaden, doch schon bald wechselten wir die Wohnorte im Rhythmus von drei bis vier Jahren. Mein Vater war fünfzig als ich auf die Welt kam. Er hatte den ersten Weltkrieg als Kind und den zweiten als Soldat erlebt. Jetzt war er auf der Flucht vor seinen Dämonen. Meine Mutter hatte sich ihr Leben bis zu ihrem Tod in hohem Alter immer anders vorgestellt und haderte fast bis zu ihrem Ende mit der Welt. In unserem letzten Telefonat, kurz vor ihrem Tod, war sie jedoch wie ausgetauscht. Die Zufriedenheit und Liebe, die sie jetzt ausstrahlte, versöhnte mich mit meiner Kindheit.

Als ich zwölf war und mein Spiel vergessen hatte, zogen wir nach Frankfurt: die Haare und Hosen zu kurz für die damalige Zeit, war ich dennoch froh die ländliche Enge abstreifen zu können. Noch mehr freute ich mich aber über die Zentralheizung und das warme Wasser aus dem Hahn.

Ich begann zu kiffen und beendete die Schule mehr schlecht als recht. Dann folgte eine Lehre als Schriftsetzer und später ein Doppelstudium (Psychologie und Betriebswirtschaft) in der morbiden Mauerstadt Berlin. Drogen und Alkohol waren zu dieser Zeit meine wärmenden Begleiter.

Das änderte sich schlagartig mit dem Eindringen der Arbeitswelt in mein Leben. Ich begann bei einer Unternehmensberatung und hatte schlichtweg keine Zeit mehr für Müßiggang und Boheme.

In dieser und der nachfolgenden Zeit verlernte ich zu spielen und zu träumen.

Stattdessen war ich getrieben von Geld und Macht und mein Werkzeug zur Durchsetzung war ein schneidend, kalter Intellekt. Ich war ein erfolgreich unangenehmer Zeitgenosse und machte Karriere.

Aber auch das hatte ein Ende, denn das Leiden drang über Krankheit in mein sonniges Leben.

Es folgten Veränderungen: ich stieg aus dem Job aus, heiratete zum zweiten Mal, begann Bücher zu schreiben, gründete eine Praxis für Coaching und begann ein Leben jenseits der alltäglichen Powergames.

Und: Ich begann wieder zu spielen – allerdings erwachsen.

Mein Rollenrepertoire ist voll und auch im Fundus liegen eine Menge allegorischer Kostüme.

Wenn ich die Bühne betrete, weiß ich, dass es eine Bühne ist – ich bin nicht mit der Rolle identifiziert. Ich versuche sie möglichst gut zu spielen und das Publikum zu unterhalten.

Je älter ich werde, umso mehr erinnere ich mich an das tröstliche Spiel meiner Kindheit und umso wichtiger wird es mir die Vision meines Spiels zu verwirklichen: ein Platz der Fülle, ein Platz voller Licht und Liebe. Ein Platz an dem Menschen und Tiere miteinander leben und voneinander lernen dürfen.

Ein Platz, dessen Einweihung ich ersehne.

 

Mittlerweile lebe ich in Berlin und habe im April 2018 nach 12 Jahren Tätigkeit meine Praxis für Coaching in Zürich geschlossen. All jene die klassische Informationen über mich suchen, sind eingeladen auf meiner alten Homepage nachzuschlagen (die Daten wurden seit 2018 nicht mehr aktualisiert).
Hier finden Sie unter anderem:

Wo ich mich aktuell engagiere finden Sie unter „Was ist und was war“.
 

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